Group of men in suits posing for a photo in a conference room with a projected banner reading 'Hilfe für Nachbarn Coburg e.V.' in the background.

15 Jahre Hilfe für Nachbarn: Ein Plädoyer für Nächstenliebe

„EIN PLÄDOYER FÜR NÄCHSTENLIEBE“

Hilfe für Nachbarn Coburg e. V. unterstützt Menschen aus der Region in Notlagen und Krisensituationen schnell und unbürokratisch. 2026 feiert der Verein sein 15-jähriges Bestehen – Grund genug für einen Rückblick auf eine bewegte Zeit. Vorstandsvorsitzender Dr. Jürgen Müller und Schriftführerin Jana Lindner-Okrusch im Gespräch.

 

 

15 Jahre „Hilfe für Nachbarn Coburg e. V.– was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich und für den Verein?

Jana Lindner-Okrusch: Als ich vor 15 Jahren damit beauftragt wurde, die Gründungsversammlung für den Verein Hilfe für Nachbarn Coburg e. V. zu organisieren und zur Schriftführerin ernannt wurde, hätte ich niemals gedacht, dass ich diese Tätigkeit so lange ausüben würde. Dass wir mittlerweile in über 2.400 Fällen helfen konnten, spricht für sich. Das macht mich schon ein wenig stolz. Nachdenklich stimmt es mich aber, dass es einen Verein wie unseren überhaupt geben muss, weil Menschen in unserer direkten Nachbarschaft vom Leben hart getroffen werden und auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.

Dr. Jürgen Müller: Für mich ist dieses Jubiläum vor allem Anlass zur Freude. Dass aus einer Idee eine verlässliche Institution geworden ist, die seit 15 Jahren Menschen in akuten Notlagen hilft, erfüllt mich mit großer Zufriedenheit. Für den Verein bedeutet das Jubiläum Bestätigung und zugleich Verpflichtung: Wir sehen, dass unser Ansatz funktioniert – und zugleich, dass unsere Hilfe nach wie vor gebraucht wird.

 

Mit welcher Vision wurde der Verein 2011 gegründet und wie stark prägt diese Idee Ihre Arbeit heute?

Dr. Jürgen Müller: In der Gründungsversammlung 2011 waren sich alle Beteiligten einig: mit „Hilfe für Nachbarn“ wollten wir eine Aktion ins Leben rufen, die den Zusammenhalt der Bürger in Stadt und im Landkreis Coburg stärken sollte. Aus heutiger Sicht ist uns das mit Sicherheit gelungen. Denn die Idee, die hinter Hilfe für Nachbarn steht, ist denkbar einfach: Wir helfen Menschen in Not schnell und unbürokratisch – häufig gerade dann, wenn andere Sicherungssysteme (noch) nicht greifen. Diese Form der Hilfe fand schnell Anklang und im Laufe der Zeit auch zahlreiche Unterstützer. Und sie hat auch heute – nach über 15 Jahren unserer Tätigkeit – noch Bestand. Was uns ausmacht: Das Antragsverfahren ist einfach. Wir benötigen nur wenige Basisinformationen. Über Hilfsanfragen wird zügig entschieden, manchmal sofort und in den meisten Fällen nach spätestens drei bis fünf Tagen.

Jana Lindner-Okrusch: Und was uns ganz besonders wichtig ist: Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich, es fallen keinerlei Verwaltungskosten an. Die erhaltenen Gelder werden zu 100 Prozent für die Hilfszwecke verwendet.

 

Wie hat sich der Verein seit seiner Gründung entwickelt?

Dr. Jürgen Müller: Seit der Vereinsgründung besteht der Vorstand aus fünf Mitgliedern: je einem Vertreter der Sparkasse und der Neue Presse, sowie mit mir selbst im vertretungsberechtigten Vorstand. Ergänzt wird das Gremium – und für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar – durch den amtierenden Oberbürgermeister der Stadt Coburg und den Landrat des Landkreises Coburg als geborene Mitglieder. Änderungen in der Besetzung des Vorstands gab es im Laufe der Zeit nur aufgrund personeller Wechsel in diesen Institutionen. Auch die Zahl der Vereinsmitglieder hat sich nicht geändert. Von Anfang an und bis heute noch dabei sind der ASB, die AWO, das BRK, die Caritas und die Diakonie sowie die Jugendämter der Stadt und des Landkreises Coburg. Auch auf die Initiatoren, die damals hinter der Idee standen – Neue Presse und Sparkasse – können wir bis heute zählen. Die Vereinsmitglieder sind verlässliche Partner; unser Zusammenwirken ist sehr vertrauensvoll.

 

Wie kam es damals zu der Zusammenarbeit mit der Sparkasse Coburg – Lichtenfels?

Jana Lindner-Okrusch: In Hochfranken gab es damals schon einen gleichnamigen Verein, der sehr erfolgreich gearbeitet hat. Die Initiatoren dahinter waren die Frankenpost und die örtliche Sparkasse. So entstand die Idee, auch in Coburg Stadt und Land mit den regionalen Akteuren etwas Ähnliches ins Leben zu rufen. Beide Unternehmen bringen sich bis heute aktiv in die Vereinsarbeit ein. Die Neue Presse zeichnet verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit unseres Vereins und die Sparkasse kümmert sich vorrangig um die Finanzen und das Vereins-Backoffice. Besonders dankbar sind wir dafür, dass sie uns immer dann mit einer Spende unterstützen, sobald dem Verein Kosten entstehen.

 

Wie kann die Entscheidung über die Vergabe von finanziellen Mitteln – trotz der Anzahl an Vereinsmitgliedern und den oben genannten Einrichtungen – schnell und unbürokratisch geschehen?

Dr. Jürgen Müller: Den Initiatoren war von Beginn an klar, dass eine solche Idee nur funktionieren kann, wenn sie ein passendes Fundament hat und auf die notwendige Expertise zurückgreifen kann. So war es nur logisch, die Wohlfahrtsverbände und die Jugendämter mit „ins Boot zu holen“. Bereits vor der Gründung des Vereins haben wir uns mit deren Vertretern ausgetauscht. Alle waren bereit, ihr Wissen einzubringen und den Verein als Mitglieder mitzutragen. Als erste Anlaufstellen für die Hilfesuchenden sind die Wohlfahrtsverbände und die Jugendämter der Stadt und des Landkreises Coburg bis heute ein wesentlicher Erfolgsgarant unserer Arbeit. Ihre Expertise bildet die Grundlage für die schnelle und erfolgreiche Bearbeitung der Hilfsanfragen. Dank ihrer tatkräftigen und fachkundigen Unterstützung und die umfassende Vorbereitung der Hilfsanträge kann der Vereinsvorstand zuverlässig über finanzielle Zuwendungen an Bedürftige entscheiden.

Wie werden Fördergelder akquiriert?

Jana Lindner-Okrusch: Hilfe für Nachbarn hat einen sehr stabilen Kreis an Unterstützern. Viele fördern unsere Arbeit regelmäßig, oft sogar über mehrere Jahre. Ganz besonders freuen wir uns immer wieder über kreative Spendenaktionen, die zugunsten Hilfe für Nachbarn gestartet werden, wie beispielsweise die Kriminacht in der Coburger Stadtbücherei im letzten Jahr. Aber auch Spenden von regionalen Unternehmen, zu besonderen Geburtstagen oder musikalische Auftritte für den guten Zweck gibt es in regelmäßigen Abständen. Darüber hinaus erreichen wir einen hohen Aufmerksamkeitsgrad bei potentiellen Spenderinnen und Spendern durch eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit – insbesondere durch exemplarische Schilderungen unserer Hilfen auf unserer Homepage und in der Neue Presse. Zusätzlich hat ein engagierter Kreis an Partnern Spendendosen unseres Vereins aufgestellt. So zum Beispiel der Lottoshop im Kaufland in Dörfles-Esbach, die Postfiliale in der Casimirstraße in Coburg, die Metzgerei Fischer und Wöhrl in der Coburger Innenstadt. Über diesen Weg wurden bereits über 6.800 Euro gesammelt.


Hat sich die Nachfrage nach Unterstützung verändert?

Dr. Jürgen Müller: Erstaunlicherweise sind die Problemlagen in den letzten Jahren ziemlich ähnlich gelagert. In unserer täglichen Arbeit spüren wir vermehrt die schwierige, oft ausweglose finanzielle Situation unserer Klienten. Es zeichnet sich ab, dass immer mehr Menschen in eine finanzielle Schieflage geraten. Vielen unserer Mitmenschen ist es in diesen Zeiten nicht mehr möglich, sich mit Rücklagen ein Polster für Unvorhergesehenes anzulegen. Wenn dann die Waschmaschine oder der Elektroherd defekt sind, wird es einfach eng.

Jana Lindner-Okrusch: Mittlerweile erreichen uns im Jahr bis zu 200 Anträge, denen in den meisten Fällen auch zugestimmt wird. Ablehnungen gibt es sehr selten. Stichwort „kleine Beträge – große Hilfe“: rund die Hälfte der ausgezahlten Förderungen liegt unter 200 Euro. Über Anträge in dieser Höhe entscheiden die Wohlfahrtsverbände direkt und die Hilfe kann sofort ausgezahlt werden. Wird mehr benötigt, votiert der Vorstand in einem einfachen Verfahren zügig.

Welche konkreten Hilfen stehen aktuell im Mittelpunkt Ihrer Arbeit – und wo sehen Sie den größten Bedarf in Coburg?

Dr. Jürgen Müller: Unsere wesentlichen Förderschwerpunkte sind recht konstant. Die Auszahlungen bis 200 Euro betrafen in 2025 im Wesentlichen die Existenzsicherung – hier handelt es sich immer um Hilfe bei akuter Not, beispielweise neben dem dringenden Bedarf an Gegenständen für den Haushalt auch für Zuzahlungen und Sonderkosten im Bereich Gesundheit. Bei den Anträgen über 200 Euro beobachten wir seit vielen Jahren einen vorherrschenden Trend: Benötigt werden vor allem Hilfen zur Anschaffung von Möbeln, Wohngegenständen sowie Elektrogeräten. Im Durchschnitt erhalten Betroffene über unseren Verein Hilfen von 319 Euro pro Antrag.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen im Hintergrund der Vereinsarbeit, die Außenstehende oft gar nicht wahrnehmen?

Jana Lindner-Okrusch: 200 Hilfsanträge, rund 450 Spendeneingänge und bis zu 175 Zuwendungsbescheinigungen im Jahr sind mittlerweile keine „Kleinigkeit“ mehr. Im Backoffice geht es deshalb vor allem darum, die Fäden zusammenzuhalten, reibungslose Abläufe zu ermöglichen, Termine nicht aus den Augen zu verlieren, den Vorstand zu unterstützen und die Mitglieder umfassend zu informieren. Nur dann können wir auch tatsächlich schnell und unbürokratisch Hilfe leisten.

Gab es entscheidende Meilensteine in den vergangenen 15 Jahren, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Jana Lindner-Okrusch: Ich denke tatsächlich immer noch gerne an das Event „Bratwurst, Dätsch und gschnittne Hosn“ im Landratsamt Coburg zurück. Im August 2011 hatte der damalige Landrat Michael Busch für den guten Zweck eingeladen zu einer Live-Filmvorführung mit Annette Hopfenmüller vom Bayerischen Rundfunk. Das Besondere: Nach dem Motto „Essen wie bei Großmuttern“ konnte man gegen eine Spende ein Menü aus Spezialitäten rund um Coburg genießen.

Was motiviert Sie persönlich, sich für den Verein über so viele Jahre hinweg zu engagieren?

Dr. Jürgen Müller: Mich motiviert vor allem die unmittelbare Wirkung unserer Arbeit. Zu sehen, dass Hilfe schnell ankommt und Menschen in schwierigen Situationen tatsächlich entlastet werden, ist ein starker Antrieb. Gleichzeitig ist es beeindruckend zu erleben, wie viel Solidarität es in unserer Region gibt.

Jana Lindner-Okrusch: Es macht mir tatsächlich viel Freude, mitzuerleben, wie aus der Idee von damals so eine anerkannte Institution werden konnte. Heute ist „Hilfe für Nachbarn e.V.“ nicht „nur“ ein Verein, sondern ein fester Bestandteil der sozialen Infrastruktur in Coburg Stadt und Land.

Vor welchen Herausforderungen steht der Verein aktuell?

Dr. Jürgen Müller: Die sozialen Herausforderungen bleiben auch im Jahr 2026 für viele Menschen in unserer Region spürbar. Die anhaltend hohen Energiepreise sowie die weiterhin gestiegenen Lebenshaltungskosten belasten zahlreiche Haushalte erheblich. Besonders betroffen sind Senioren, alleinerziehende Mütter sowie zunehmend auch junge Menschen, die trotz Ausbildung, Studium oder Erwerbstätigkeit Schwierigkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Viele ältere Menschen leben von einer Rente, die kaum für die laufenden Kosten ausreicht.  Gleichzeitig geraten auch immer mehr junge Menschen und Familien an ihre Belastungsgrenzen durch hohe Mietkosten, steigende Ausgaben für Energie und Lebensmittel sowie unsichere wirtschaftliche Perspektiven.

 

Was wünschen Sie sich als Verein für die Zukunft?

Jana Lindner-Okrusch: Schön wäre es sicherlich, wenn es Hilfe für Nachbarn eines Tages nicht mehr geben müsste, aber das halte ich in der aktuellen Situation eher für illusorisch.

Dr. Jürgen Müller: Genau deshalb möchten wir weiterhin Menschen in unverschuldeter prekärer finanzieller Not Beistand leisten und ihnen somit wieder eine Perspektive geben. Das kann nur gemeinsam gelingen. Wir hoffen deshalb sehr, dass der breite Rückhalt in der Coburger Bevölkerung auch in Zukunft bestehen bleibt und uns die Wohlfahrtsverbände und Jugendämter sowohl personell als auch fachlich weiterhin so professionell begleiten.

Das Interview führte Svenja Gronau.


Hilfe für Nachbarn Coburg e. V.:
 

Spendenverein Hilfe für Nachbarn lindert seit 2011 die Not der Mitmenschen in Stadt und Landkreis Coburg. Gegründet wurde der Verein von der Sparkasse Coburg-Lichtenfels und der Neuen Presse.

Stiftung Der Verein geht auf eine Stiftung zurück, die von einer Coburgerin, die anonym bleiben möchte, ins Leben gerufen worden ist. Mehr Informationen dazu unter www.hfn-coburg.de.

Konto Alle Spenden an Hilfe für Nachbarn werden zu 100 Prozent für diejenigen verwendet, die das Geld benötigen. Wer helfen will, spendet auf das folgende Konto:IBAN DE35 7835 0000 0040 3382 46

Two professionals sit at a light wood conference table, reviewing documents and red folders in a bright office.
Seit 15 Jahren ein gutes Team: Vorstandsvorsitzender Dr. Jürgen Müller und Schriftführerin Jana Lindner-Okrusch. Foto: Svenja Gronau
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Der Vorstand des Vereins Hilfe für Nachbarn Coburg e. V. engagiert sich seit 15 Jahren für Menschen in Not: (sitzend v.l.) Martin Stingl (in Vertretung für Sebastian Straubel, Landrat des Landkreises Coburg); Christian Holhut, stellv. Vorsitzender; Dr. Jürgen Müller, Vorstandsvorsitzender; Dr. Martin Faber, stellv. Vorsitzender; Dominik Sauerteig, Oberbürgermeister der Stadt Coburg. Unterstützt werden sie von den Revisoren (stehend v. l.) Sebastian Rodenburger und Jan Eisele sowie den Vertretern der Vereinsmitglieder, Carsten Höllein (Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Coburg e. V.); Thomas Schwesinger (Arbeiter-Samariter-Bund Regionalverband Coburg e. V.), Stefan Kornherr (Diakonisches Werk Coburg e. V.); Jürgen Beninga (Bayerisches Rotes Kreuz Kreisverband Coburg); Norbert Hartz (Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Coburg e. V.) und Schriftführerin Jana Lindner-Okrusch.
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